Erinnerungen an die Grenzöffnung in Eichenberg

 

von Sigrit und Hubertus Erner, Witzenhausen

 

 

 

Bei uns stehen immer kleinere Renovierungs arbeiten an. Um den normalen Betriebsablauf nicht allzusehr zu stören, wird so etwas oft Samstag/Sonntag von mir selbst erledigt.

Im Herbst 1989 habe ich damals unser Backstubenlager erneuert.

 

Am diesem denkwürdigen Wochenende wurde am Samstag der Grundaufbau des Fußboden eingebracht, und am Sonntag wollte ich dann diesen neu versiegeln. Um das Ganze bis Montag gut trocknen zu lassen, habe ich mit meiner Arbeit früh am Morgen angefangen. Als ich fast fertig war ging mit einmal das Gerücht um, in Eichenberg wird die Grenze geöffnet.

Da mich die Neugier trieb, packte ich Frau und Kinder ins Auto, und fuhr zum „Gut Arnstein“.

Lange Autoschlangen an dem Feldweg der mal eine Reichsstraße war, geparkt auf Feldern, Feldwegen, andere Neugierige, Hubschrauber; ein unheimliches Durcheinander

An der Straßensperre des schmalen Feldweges  Bagger,  Fahrzeuge und Soldaten, die die Zäune abmontieren, Pfähle herausziehen und den KFZ Graben zuschieben.  Dahinter soweit das Auge reicht, Trabbi´s  mit laufendem Motor, blaue Auspuffgase tuckern in den klaren Himmel.

 

Dann wird die Straße frei, und diese lange Schlange setzt sich in Bewegung.

 

Dieses Bild hat sich bei mir festgesetzt.

 

Kurzes Überlegen: „Wenn wir uns jetzt nicht nach Hause machen, schaffen wir unsere Arbeit nicht mehr; komm  schnell, bevor die Straßen verstopft sind!“

 

Ich machte zu Hause meine Arbeit fertig, jetzt darf heute niemand mehr hinein.

 

Irgend jemand ruft bei uns an: „Die Grenze ist auf, wir kriegen Besuch, ich brauche  Brötchen“

Ach du Sch......., wir kommen nicht ins Lager.

Der nächst Anruf, das Telefon steht nicht still: könnt ihr ......ich brauche.....; habt ihr ....... 

 

Im ganzen Haus, bei Bekannten, im Laden werden die Bestände an Zutaten  requiriert, der letzte Salzstreuer wird entleert, die Knetmaschiene läuft.

Ein Mitarbeiter kommt spontan hinzu: Ich habe schon gehört, was los ist. Los geht's

 

Kollegen aus dem Eichsfeld kommen, stellen sich vor:
"Ich habe eine Bäckerei in.......   ( um Himmelswillen, wo liegt denn das?????, noch nie gehört) , kann ich denn mal sehen, wie es in Ihrer Backstube aussieht, wie macht ihr ......? "

 

Ein unheimliches Durcheinander, wir am Arbeiten, dazwischen Besucher, Mitarbeiter vom Verkauf, Fragen!!!

 

Ich komme wie vor wie ein Fremdenführer. Immer neue Kollegen, immer wieder der Hinweis; "Bitte nicht dort hintreten, der Fußboden ist noch ganz frisch."  Irgend jemand hat dann doch hineingetreten, der Fußabdruck wird auf Dauer zu sehen sein.

 

Gegen Abend sind noch 2 Familien bei uns, und wir beschließen, Sie zum Abendessen einzuladen. Endlich kommt es zu etwas mehr Ruhe.

Während wir mit diesen Ehepaaren bis Spät in die Nacht zusammensitzen, erzählen und vergleichen wir die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Ost und West. Ich kann mir viele Sachen einfach nicht vorstellen.

 

Leider ist dieser kurze und intensive Kontakt schon bald wieder eingeschlafen.

 

So hat sich der historische Tag in meinem Gedächtnis festgesetzt, vielleicht täuscht in manchen Dingen die Erinnerung.

 

Grenzffnung